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The fashion world's workshop


Letzten Sommer flog Gina Tricots Mitarbeiter Marcus Bergman im Auftrag einer großen schwedischen Frauenzeitschrift nach Dhaka, um dort Näherinnen zu interviewen. Hier seine Reportage.

Die 36-jährige Morium arbeitet in einer Strickfabrik und stellt Kleidungsstücke her, die später unter der Bezeichnung „Grobstrick“ in den Geschäften landen. Meist sind es herkömmliche Strickpullis aus Baumwolle, Acryl oder Mischgarn. Die von Morium bediente Strickmaschine sieht im Prinzip noch genauso aus wie das Modell, das Matthew Townsend und William Lamb in der Mitte des 19. Jahrhunderts erfanden. Der Bediener führt einen Schlitten von rechts nach links und links nach rechts über ein Nadelbett, auf dem dann die Maschen entstehen. Mit der gleichen Maschine verdienten sich die Bauersfrauen in Gina Tricots westschwedischer Heimat früher ein Zubrot. Ihre Arbeit legte den Grundstein für die schwedische Textilindustrie und war somit ausschlaggebend für die Ansiedlung der schwedischen Modebranche.

In Schweden standen die Strickmaschinen in den heimischen Küchen – in Bangladesch sind sie in großen Fabrik aufgereiht. Morium berichtet von ihrem langen, zeitraubenden Weg zur Arbeit. Durch die hohe Bevölkerungsdichte und den starken Verkehr dauert die Fahrt mehrere Stunden. Gleichzeitig ist die Fabrik eine Art Oase, in der es sauberer und kühler ist als zu Hause und die Zugang zu fließendem Wasser und Toiletten bietet. Das Werk ist ein schützender Zufluchtsort, auch wenn die Hallen an die harten Zeiten der europäischen industriellen Revolution im 19. Jahrhundert erinnern.

Ein großes Problem ist das weit verbreitete „teasing“, d.h. dass Frauen auf dem Weg zur Arbeit sexuell belästigt, verfolgt, körperlich misshandelt und schlimmstenfalls vergewaltigt werden. Entschuldigt wird das Verhalten der Männer mit der Kultur des Landes.  Manche Fabriken haben versucht, eigene Buslinien einzuführen, was aber daran scheitert, dass sich letztendlich doch immer die Männer durchsetzen.

Das Suchen nach abgerutschten Maschen hat Moriums Sehvermögen stark beeinträchtigt. Um Fehler im Maschenbild zu finden, muss sie nah an das Strickstück herangehen, was die Augen ermüdet. Sie befürchtet, dass sie ihre Arbeit aufgrund des verschlechterten Augenlichts irgendwann nicht mehr ausüben kann. Dann muss sie sich nach einem anderen Arbeitsplatz umsehen – Geld für einen Sehtest und eine Brille will sie nicht ausgeben. Nicht jetzt, wo ihre Kinder die Chance bekommen haben, zur Schule zu gehen.

„Auch wenn ich das Geld für einen Optiker und eine Brille hätte, würde ich es nicht dafür ausgegeben. Alles, was ich verdiene, stecke ich in die Ausbildung meiner Kinder.“

Moriums Zuhause besteht aus einer Hütte mit einem einzigen Raum. Eingerichtet ist es mit einem Regal, einer schmalen Pritsche und einem Doppelbett. Mehr nicht. Der Boden besteht aus gestampfter Erde und Zement, die Wände und das Dach sind aus Wellblech und Schilf gebaut. Durch kleine Löcher im Blech und ein glasloses Fenster zur Straße hin, das nur von Mückennetz bedeckt ist, strömt Licht ins Innere. Auf den ersten Blick sieht das Blech aus, als hätte jemand die Hütte mit dem Maschinengewehr beschossen. Die Löcher erklären sich aber dadurch, dass das Blech beim Bau bereits gebraucht war – es wird immer wieder verwendet.

Ein kleiner Junge, schätzungsweise vier Jahre alt, kuschelt sich an seine Mutter. Er ist hungrig und bekommt eine Tüte Maissnacks. Da gerade die Regenzeit begonnen hat, sind die Hitze und die Luftfeuchtigkeit schier unerträglich.

Der Fluss, an dem das Dorf liegt, wird für die Körperhygiene und zum Waschen der Kleider benötigt, gleichzeitig stellt er eine ständige Bedrohung dar. Das Ufer ist steil und matschig, im direkten Anschluss liegen die ersten Häuser des Dorfs – ohne Fundament gebaut. Da der größte Teil Bangladeschs in einem Flussdelta liegt, sind die Slumgebiete, die zu den größten der Erde zählen, ständig von Überschwemmungen bedroht.

Moriums Tochter trägt ein gelbes Faltenkleid mit aufgenähten Perlen. Sie sieht aus wie Mädchen aussehen, die auf dem Weg zu einem Fest sind: stolz. Ich treffe sie in ihrer Vorschule, einer der 150 Vorschulen, die Gina Tricot in Zusammenarbeit mit Unicef errichten ließ und die mit Geldern aus der Textilfertigung in Bangladesch betrieben werden. Im Laufe von 6 Jahren werden hier 20 Millionen schwedische Kronen (rund 2 Mio. Euro) in Bildungsmaßnahmen investiert.

Moriums Geschichte gleicht der von Millionen anderer Textilarbeiterinnen – einer Generation von Frauen, die den Schritt aus der Sicherheit der eigenen vier Wänden gewagt haben, um Geld zu verdienen. Nichtsdestotrotz ist die Rolle der Frau in der Gesellschaft denkbar schwach, was nicht zuletzt im Hinblick darauf verwundert, dass das Land von einer Frau regiert wird, der Premierministerin Sheikh Hasina. Frauen sind in Bangladesch eine anonyme Masse, und Diskriminierung gehört zum Alltag.

Beispielsweise gelten Frauen nach wie vor als unrein, wenn sie ihre Menstruationsblutung haben. Viele Frauen können sich keine Hygieneprodukte leisten, daher sammeln sie heimlich Stoffreste vom Fabriksboden auf, um sie als Binden zu verwenden. Da es zu Hause oft kein fließendes Wasser gibt, werden diese Stofffetzen nicht gewaschen, sondern bei Nichtgebrauch in einem Schrank versteckt. Daher verursachen sie Infektionen und andere Krankheiten. Das Thema Menstruation ist mit anderen Worten kulturell, wirtschaftlich und gesundheitlich geladen. Eine Möglichkeit, das Problem zu lösen, ist der Verkauf von sogenannten Menstruationskappen zu einem erschwinglichen Preis. Diese Form der Monatshygiene erfordert nur wenig Wasser zur Reinigung, kann jahrelang verwendet werden und ist für das Klima in Bangladesch geeignet. Ob das Projekt angenommen wird, muss sich zeigen.

Genau wie Morium tragen viele Textilarbeiterinnen wesentlich zur Ernährung ihrer Familie bei.
„Mein Mann fährt manchmal Fahrradtaxi, und manchmal verkauft er Brennholz“, berichtet Morium. Man kann die zwiespältige Mischung aus Traurigkeit und Stolz erahnen, die Menschen in ihrer Lebenssituation empfinden.
Ein Mann ohne Ausbildung. Eine Frau mit Berufsqualifikationen, Berufsstolz und dem unbändigen Willen, den eigenen Kindern den Weg in eine bessere Zukunft zu bahnen.

Dieser Weg ist nicht mit Gold gepflastert. Morium verdient ungefähr 45 Euro im Monat.

Die Textilarbeiterinnen sind die erste Generation bengalischer Frauen, die einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Sie verdienen Geld und sparen für die nächste Generation. Die westlichen Modeunternehmen beziehen Waren von hiesigen Lieferanten, weil sie preisgünstig, gut und schnell sind. Die Rückseite der Medaille sind Mauscheleien und Gefahren in Fabriken mit schlechten Arbeitsbedingungen. Um die Sicherheit in den Fabriken zu verbessern, bedarf es internationaler Zusammenarbeit und Maßnahmen. Aber wie viel Zeit haben wir, bis der nächste Brand ausbricht und die nächste Werkshalle einstürzt?

Gemeinnützige Organisationen arbeiten im Prinzip schon seit der Staatsgründung im Jahr 1971 in Bangladesch. Nicht ohne Ergebnis: Die wirtschaftliche Entwicklung und die Anstrengungen der internationalen Wohltätigkeitsorganisationen haben die Gesellschaft in kürzester Zeit grundlegend verändert. In einem vielbeachteten und im Internet weit verbreiteten Vortrag bezeichnet Professor Hans Rosling, Leiter der Abteilung Internationale Gesundheit am schwedischen Karolinska-Institut, Bangladesch als „Wunder“ und verweist dabei auf die sinkenden Geburtenraten und die stark rückläufige Kindersterblichkeit. Bangladesch gehört zu den weltweit sechs Ländern, die es geschafft haben, die Kindersterblichkeit seit 1990 zu halbieren – eine beeindruckende Leistung.

Aber Bangladesch ist auch ein Land voller Widersprüche. Obwohl das Land seit 30 Jahren als wirtschaftliche Erfolgsgeschichte betrachtet wird, lebt auch heute noch fast die Hälfte der Bevölkerung von nur einem Dollar pro Tag und somit unterhalb der Armutsgrenze. Die wirtschaftlichen Erträge sind groß, ihre Verteilung aber gelinde gesagt ungleich.

In Unicefs Büro in Dhaka bestätigt Syeda Shima Islam die Statistiken, die in einem ordentlichen Ordner auf dem blank polierten, dunklen Holztisch liegen, der genau wie die übrige Einrichtung schon bessere Tage gesehen hat.
„Ein Kind hat in Bangladesch einen größeren Wert als eine Frau. Denn ein Kind ist ja möglicherweise ein Junge. Alles dreht sich um Geld und die Möglichkeit, die Familie zu ernähren. Da eine Frau als Belastung angesehen wird, engagiert man sich weniger für sie als für das Kind“, erklärt Syeda Shima Islam. Hinzu kommt, dass Frauen hier früh lernen, nicht zu klagen, wenn sie Schmerzen haben. Auch in der Schwangerschaft wollen sie nicht zur Last fallen. Das haben die Mutter und andere weibliche Familienmitglieder so vorgelebt.

Die 36-jährige Rashima steht vor dem Zuhause der Familie, neben ihr die Familie – ihr Mann, die vier Kinder und ihre Mutter. Gemeinsam wohnen sie in zwei Blechhütten mit kleinem Innenhof. Die Baumkronen wiegen sich sachte im Wind und spenden dem Hof Schatten, der an allen Seiten von Wellblech umgeben ist.

„Mein Mann war Busfahrer, aber eines Tages wurde er von der Polizei angehalten, die feststellte, dass sein Führerschein gefälscht war. Er war vom Aussteller des Führerscheins betrogen worden. Ich arbeite in einer Nähfabrik und nähe Reißverschlüsse in Hosen ein“, berichtet Rashima.
In der Hofmitte sind Steine in einem Kreis angeordnet – die Feuerstelle, die zusammen mit einem Topf die Küche der Familie bildet. Wenn Rashima abends von der Arbeit kommt, kocht sie das Essen für die Familie. Es gibt immer Reis, und vielleicht Kartoffeln oder Linsen. Manchmal gibt es Fisch aus dem Fluss.

Rashima hat Glück. Ihre Mutter besitzt die Häuser, in denen sie wohnen. Das gibt der Familie Sicherheit. Sie ist sehr stolz auf ihre Tochter, die die Vorschule besucht, und auf den vierzehnjährigen Sohn Juthi, der die Schule absolviert hat.
Ich erzähle ihr von meinem eigenen Sohn, der für seine vier Jahre schon eine gute Feinmotorik hat und es liebt, Dinge zusammenzuschrauben.
„Mein Traum ist es, dass er Uhrmacher wird“, sage ich.
„Das ist keine gute Berufswahl“, antwortet Rashima und lächelt. „Mein Sohn soll einmal Bankdirektor werden.“

 

Der Artikel wurde in voller Länge in der schwedischen Frauenzeitschrift Damernas Värld, Ausgabe 12/2013, veröffentlicht. Dies ist eine gekürzte Version.