Die Modeschöpferin Louise Linderoth scheut sich nicht, die traditionelle Modeszene auf den Prüfstand zu stellen. Ihr loderndes Engagement für innovative Kreationen inspirieren, sie liebt es, Probleme anzugehen, ohne dabei Abstriche bei der Ästhetik zu machen oder den Körper aus den Augen zu verlieren. Die Lancierung ihrer Online-Kollektion Lou Dehrot Seated Jeans in Zusammenarbeit mit Gina Tricot ist ihrem Traum geschuldet, Konstruktion und Schnitt von Jeans für eine sitzende Position konsequent weiterzuentwickeln.

 

 

Name: Louise Linderoth Titel: Modeschöpferin Alter: 27 Jahre Wohnort: Skövde und Borås Aktuelles Projekt: Traditionelle Funktionen in der Modebranche auf den Prüfstand stellen, Lancierung von Lou Dehrot Seated Jeans in Zusammenarbeit mit Gina Tricot Instagram: @lou.linderoth, @lou.dehrot

 

Wer ist Louise? Erzähle uns etwas über dich:
Ich bin ein Mensch, der gerne Probleme löst ohne dabei Abstriche bei der Ästhetik zu machen oder den Körper aus den Augen zu verlieren. Dass ich mich beruflich in den Bereichen Design, Kunst und Mode bewege, ist eine logische Folge davon. Neben meinem Masterstudium an der Hochschule für Textildesign in Borås widme ich mich dem Aufbau meiner Marke Lou Dehrot. Als ich zehn Jahre alt war, nahm mein Leben eine drastische Wendung. Eine Rückenmarksschädigung infolge einer immunologischen Überreaktion führte zum Verlust eines Großteils der Funktionsfähigkeit meiner Beine. Was mich in meinem Schaffen besonders antreibt, ist Einfluss auf die Art und Weise zu nehmen, in der Mode präsentiert wird, und den Weg für eine inkludierende Sichtweise des Körper in der Modeszene zu ebnen.

Seit wann interessierst du dich für Mode und Design?
Das Interesse für Mode und Gestaltung hat mich mein Leben lang begleitet. Als ich klein war, bastelte ich gerne und beschäftigte mich viel mit Kleidung. Als ich 12 war, bekam ich meine erste Nähmaschine. Von da an konnte ich meine Hobbys Basteln und Kleidung miteinander verbinden und so kam alles ins Rollen.  

 

 

Was motiviert dich in deinem kreativen Schaffensprozess am meisten?
Ich möchte nicht, dass Menschen das Gleiche erleben müssen, was ich erlebt habe, als ich jünger war: nämlich dass mir modische Kleidung aufgrund des Körpers, in dem ich lebe, verwehrt war. Es war nicht nur eine Frage der Passform, ich konnte mich auch nicht mit der maßgebenden Art und Weiße, in der Mode präsentiert wird, identifizieren. Während meines Designstudiums wurde mir klar, dass es dabei mehr darum geht, wie ein Körper gezeigt und in welchen Kontext er gestellt wird, weniger um den Körper selbst. Form, Position und Funktion des Körpers zu betrachten, ist im Zusammenhang mit der Passform unglaublich wichtig, wenn man ein Kleidungsstück entwerfen möchte, das bequem sitzt und sich wie eine sanfte Umarmung anfühlt. Die Arbeit mit Form und Darstellung sind der Dreh- und Angelpunkt in meinem Schaffensprozess. 

Wie verlief deine berufliche Laufbahn in der Modebranche?
2017 habe ich den Bachelorabschluss in Modedesign an der Hochschule für Textildesign in Borås gemacht. Für meine Kollektion „Have a Seat“ erhielt ich ein Stipendium, unter anderem von Gina Tricot. Es war eine Investition in das neue Unternehmen, in dem ich die Untersuchung von Aspekten der Inklusion des Körpers in Mode und Medien fortsetzte und weiterentwickelte. Die Kollektionen wurde anschließend während der Fashion Week in Stockholm, London und Brüssel vorgestellt. Sie sollte eigentlich auch bei der Copenhagen Fashion Week dabei sein, aber leider erhielt ich keine Genehmigung, die Kollektionen mit Rollstuhlanwenderinnen vorzuführen. Daher verzichtete ich auf die Teilnahme und richtete den Fokus neu aus: „Die Kollektion ist zwar nicht bei der CPHFW zu sehen, die Diskussion über die Inklusion des Körpers wird dennoch nicht zu überhören sein“. 

 

Hatte dieses Ereignis Auswirkungen auf dein Selbstverständnis als Designerin?
Die Situation weckte enormes Interesse und erwies sich in der Frage zur Inklusion des Körpers in der Mode als richtungsweisend. Kurze Zeit später erhielt ich eine Anfrage zur Präsentation von Teilen der Kollektion in der Ausstellung „Design Stories“ im Nationalmuseum in Stockholm. Die Kollektionen wurde außerdem bei der „Norm Form“ im Zentrum für Architektur und Design ArkDes des Moderna Museet in Stockholm, „A Queen Within: Adorned Archetypes“ im NOMA in New Orleans, MoPOP in Seattle und zuletzt bei der Ausstellung „Body beautiful – diversity on the runway“ im Textilmuseum von Borås gezeigt. 

Wie entstand deine Marke Lou Dehrot?
Bei dem Konzept der Kollektion „Have a Seat“ dreht sich alles um Jeans, die speziell für die Sitzposition entwickelt wurden. Neben der konzeptuellen Linie legten wir auch Wert auf die Arbeit mit einem alltagstauglichen Konzept, nämlich Jeans, bei denen die Passform im Vordergrund steht. Ich weiß nicht, wie viel Rekonstruktionen ich vorgenommen habe, um eine Passform zu finden, die sich an den Körper anschmiegt und mit dem Körper arbeitet, anstatt gegen ihn. In den letzten zwei Jahren hat sich Vieles um den Aufbau der Marke gedreht und darum, eine belastbare Grundlage für meine künftige Arbeit zu schaffen. Das Ergebnis war Lou Dehrot.

Jetzt lancierst du Lou Dehrot Jeans in Zusammenarbeit mit Gina Tricot. Erzähle uns etwas über die Idee, die hinter der Kollektion steht:
Die Jeans ist aus zwei meiner Lieblings-Jeans von Gina Tricot hervorgegangen, die ich aufgetrennt habe, nämlich „Bonnie Low Waist Jeans“ und „Comfy Mom Jeans“. Durch die Abwandlung schmiegen sie sich jetzt an einen Körper in sitzender Position an. Über einen längeren Zeitraum in einer Jeans zu sitzen, die eigentlich für eine aufrechte Körperhaltung konstruiert wurde, ist auf Dauer unbequem. Vorne drücken sie am Bauch und hinten bildet sich ein Briefeinwurf. Das Gefühl kennen viele. Eine ergonomische Jeans, die eine Rollstuhlanwenderin beim Fahren bestmöglich unterstützt, braucht einen Schnitt mit einem steileren Winkel. Der Oberkörper ist nämlich nach vorne geneigt, wenn die Räder mit der Kraft der Arme angetrieben werden, während gleichzeitig die Füße leicht erhöht auf der Fußstütze ruhen. Aus diesem Grund sind richtig gute Jeans schwer zu finden. Eine solche perfekte Alltagsjeans zu haben, das war so wichtig für mich, um mich „normal“ zu fühlen und meine Würde zu wahren, sich nicht ausgeschlossen zu fühlen, wenn es um ein so grundlegendes Bedürfnis wie ein alltagstaugliches Kleidungsstück geht. Mein Wunsch, dies auch für andere in der gleichen Situation zu ermöglichen, resultierte in dieser Zusammenarbeit.

 

 

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit von der Idee bis zur fertigen Jeanskollektion?
Es war eine unglaublich tolle Zusammenarbeit. Höhepunkte waren ganz ohne Frage die Arbeit und Erprobung mit Gunilla, der Directrice, und das Shooting für die Kampagne. Ich brachte die beiden Prototypen mit, die ich neu konstruiert hatte. Sie waren der Ausgangspunkt für die technischen Aspekte, um die Produktion der Jeans in größerem Stil zu ermöglichen. Während des gesamten Prozesses stand ich in Kontakt mit interessierten Kundinnen. Dies war wichtig, um mir ein breit gefächertes Bild der Anforderungen zu verschaffen, auf die es bei der Entwicklung einer Jeans ankommt, die von Rollstuhlanwenderinnen getragen wird. Wir haben die Punkte berücksichtigt und in designrelevante Entscheidungen zur Beinlänge, Platzierung der Gesäßtaschen und verstärkte Gürtelschlaufen einfließen lassen.

Welchen Style der Kollektion findest du am besten?
Oh, das ist eine schwierige Frage. Alle vier! Aber ich würde sagen die „Dehrot Mom Jeans“ in offblack. Mir gefällt die enge Taille und die etwas lockerere Passform am Oberschenkel, außerdem das typische Denim-Feeling, obwohl der Stoff sehr weich ist. 

Wer ist dein größtes Vorbild?
Es gibt viele Personen, zu denen ich aufblicke. Meine Mutter zum Beispiel, die sich bei allen Entscheidungen von der Liebe leiten lässt. Oder mein Vater. Er verliert nie seinen Humor und Gerechtigkeit geht ihm über alles. Das Model Jillian Mercado, die wesentlichen Einfluss darauf hatte, wie sich die Sichtweise der Modebranche auf Menschen mit körperlichen Funktionsbeeinträchtigungen verändert hat. Und Chelsie Hill, die Profi-Tänzerin ist zu meiner Freundin geworden. Sie hat mir gezeigt, dass ein Rollstuhl nicht bedeuten muss, die eigenen Träume aufzugeben. 

 

 

Was hast du für Zukunftsträume?
Ich möchte dazu beitragen, die Perspektive der Modeszene auf den menschlichen Körper weiterzuentwickeln. Ich möchte etwas bewegen, zum Nachdenken anregen. Ich möchte Menschen dazu anregen, in Problemen potenzielle Lösungen zu sehen. Ich möchte, dass ein Rollstuhl ein ebenso selbstverständliches Hilfsmittel wird, wie eine Brille, und dass der Körper eine ebenso selbstverständliche Rolle in der Mode spielt wie die Schaufensterpuppe im Schaufenster, und zwar ungeachtet seines Aussehens, seiner Form oder Funktionsweise.

Welche Ratschläge hast du für andere, die von einer Laufbahn im Bereich Mode und Design träumen?​​​​
Nimm dich selbst als Teil dessen an, was du erschaffst. Vertraue auf deine Persönlichkeit und habe den Mut, Projekte in Angriff zu nehmen, die dir am Herzen liegen. Die Ausbildung hat eine wichtige Rolle gespielt. Der Umgang mit gleichgesinnten Menschen inspiriert, fordert heraus und regt dazu an, Althergebrachtes in Frage zu stellen.

Worauf freust du dich im Winter am meisten?
Auf den Schichten-Look und auf brennende Kerzen! Und natürlich darauf, dass Dehrot-Jeans online bei Gina Tricot zu haben sein werden.

Lieblingszitat:
Carpe diem.

 

Die Kollektion ist online auf ginatricot.com erhältlich